Pflegelotsen im Betrieb

  Mit freundlicher Genehmigung der Südwest Presse  familyNET

Soziales: Die Zahl der Bedürftigen steigt massiv. Weil viele von berufstätigen Angehörigen gepflegt werden, müssen sich auch Unternehmen damit befassen.

Von Tanja Wolter.  Mit freundlicher Genehmigung der Südwest Presse.

Kathrin Silber hat zwei offene Ohren, wenn eine Kollegin oder ein Kollege einen akuten Pflegefall in der Familie regeln muss. Im Hauptjob ist die promovierte Politikwissenschaftlerin bei der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart GmbH für Strategie, internationale Beziehungen und Fachkräftesicherung zuständig. Zusätzlich hat sie in dem öffentlichen Unternehmen mit seinen gut 70 Vollzeitbeschäftigten aber noch die Rolle der Pflegelotsin übernommen. Sie ist im Notfall Anlaufstelle für betroffene Angehörige am Arbeitsplatz, informiert über erste Schritte in einem Pflegefall, gibt Tipps, wie Beruf und Pflegeaufwand unter einen Hut zu bekommen sind – und sie hört zu. „Ich finde das aus persönlicher Überzeugung gut und wichtig“, sagt Silber zu ihrer Motivation.

1070 geschulte Kräfte
Seit zehn Jahren werden in Baden-Württemberg betriebliche Pflegelotsen ausgebildet, nach Angaben des Bildungswerks der Baden-Württembergischen Wirtschaft (BIWE) gibt es inzwischen 1070 geschulte Kräfte in privaten und öffentlichen Unternehmen im Land. Die Initiative stammt von familyNET – einem Netzwerk der Arbeitgeberverbände Südwestmetall und Chemie, das mit dem Land und mehreren Familienverbänden kooperiert und sich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf auf die Fahne geschrieben hat. früher hieß das vor allem Vereinbarkeit von Job und Kindererziehung.

Doch vor dem Hintergrund des demographischen Wandels und der stark steigenden Zahl der Pflegebedürftigen gerät zunehmend auch die Pflegeproblematik in den Fokus. Wie groß die Herausforderung ist, zeigen die nackten Zahlen: Rund fünf Millionen Pflegebedürftige gibt es laut offizieller Statistik in Deutschland, mehr als eine halbe Million davon leben in Baden-Württemberg. Von Ihnen werden wiederum mehr als 80 Prozent überwiegend zu Hause versorgt, häufig von Angehörigen oder zumindest mit deren Hilfe. Familienmitglieder, die gleichzeitig berufstätig sind, geraten dabei oft an ihre Grenzen: anfangs ist der Organisationsaufwand enorm, später setzt die zeitliche Überlastung den pflegenden Angehörigen – mehrheitlich Frauen – zu.

Viele Erwerbstätige müssen ihre Arbeitszeit deshalb reduzieren oder ihren Beruf zeitweise sogar ganz aufgeben. Pflege sei im Vergleich zur Kinderbetreuung „ein belastendes, emotionales und schwieriges Thema“, sagt Karin Nagel, die für das Bildungswerk der baden-württembergischen Wirtschaft die Pflegelotsen-Schulungen mit aufgebaut hat. Die Botschaft an betroffene Beschäftigte in Unternehmen solle lauten, dass sie mit ihren Sorgen „wahrgenommen werden“. Damit diene das Angebot auch der Arbeitszufriedenheit und der Mitarbeiterbindung. Die Schulungen sind dabei nicht auf Metall- oder Chemieunternehmen beschränkt, sondern stehen im Prinzip allen Branchen offen.

Orientierung geben
Die Grundschulung ist eintägig, hinzu kommen eine Aufbauschulung und kürzere Themenschulungen, etwa zu Demenz. Experten sind die Teilnehmer danach nicht, sie können aber eine erste Orientierung geben, auf Arbeitnehmer-Rechte hinweisen, und wichtige Anlauf- und Beratungsstellen nennen. „Viele Betroffene sind erst einmal überfordert“, betont Nagel. Kathrin Silber übt die Funktion seit rund sechs Jahren für ihren Arbeitgeber aus und bekommt inzwischen regelmäßig Anfragen aus dem Kollegenkreis. Als ihre Großmutter pflegebedürftig wurde, hatte sie in ihrem Elternhaus selbst mitbekommen, was das für eine Familie bedeutet. „Es geht darum, die Thematik proaktiv anzugehen und einen Beitrag zu leisten, um solche schwierigen Situationen ein bisschen zu erleichtern“, sagt Silber. Dabei seien die Gespräche streng 
vertraulich. „Oft wollen sich Betroffene erst einmal informieren und nicht gleich mit ihren Vorgesetzten über mögliche Auswirkungen auf ihre Arbeit sprechen.“
Von ihrem Vorgesetzten, Michael Kaiser, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Region. Stuttgart, bekommt Silber für Ihr Engagement volle Unterstützung: „Die Pflege von Angehörigen beschäftigt viele unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Deshalb ist es uns wichtig, die Betroffenen nicht alleine zu lassen und sie mit Angeboten und Informationen so zu versorgen, dass sie bei uns Arbeit und Pflege verbinden können“, sagt Kaiser.

Bei 1070 Pflegelotsen landesweit gibt es allerdings noch Luft nach oben. „Wir freuen uns, dass wir die 1000 geknackt haben“, sagt Nagel, aber natürlich könnten es noch mehr sein. Auch Silber beobachtet, dass das Pflegethema erst allmählich in Betrieben ankommt und sich viele Unternehmen bisher nicht damit auseinandersetzen. Die Initiatoren raten indes auch zum eigenen Vorteil der Unternehmen dazu, die Problematik nicht zu unterschätzen. „Wie Unternehmen damit umgehen, wird zunehmend zum Wettbewerbsfaktor“, erklärt das Netzwerk familyNET.

Rechte von Arbeitnehmern im Pflegefall

Wer einen nahen Angehörigen in häuslicher Umgebung pflegt, kann bei seinem Arbeitgeber einen Anspruch auf unbezahlte Pflegezeit geltend machen. Dafür kann man sich laut Bundesgesundheitsministerium bis zu sechs Monate voll oder teilweise freistellen lassen. Der Anspruch gilt nur in Unternehmen mit mindestens 15 Beschäftigten. Außerdem gibt es einen Rechtsanspruch auf Familienpflegezeit in Unternehmen mit mindestens 25 Beschäftigten. Dafür kann man sich für bis zu 24 Monate teilweise freistellen lassen, muss aber im Schnitt mindestens 15 Wochenstunden arbeiten. Wer wegen eines akut auftretenden Pflegefalls kurzfristig nicht arbeiten kann, um eine Pflege zu organisieren oder die Versorgung sicherzustellen, darf sich bis zu zehn Arbeitstage freistellen lassen – unabhängig von der Mitarbeiterzahl. Als Ausgleich für entgangenen Lohn kann man in diesem Fall Pflegeunterstützungsgeld bei der Pflegekasse beantragen.

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Pflegelotsen sind eine wichtige Anlaufstelle für Beschäftigte in familienfreundlichen Unternehmen